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Fieberkurve der Solitude

Bericht aus "Hobby" Heft 15 von 1964

Mit nahezu 180 km/h ¨Schnitt¨ stellte der schottische Automobilweltmeister Jim Clark mit seinem Lotus-Climax Formel-I-Rennwagen im Jahre 1963 einen neuen absoluten Rundenrekord für den Solitude-Ring auf. Die Zeitnehmer errechneten exakt 3:49,1 Minuten oder 179,403 km/h. Der im gleichen Jahr zur A-Klasse der Grand-Prix-Fahrer aufgestiegene deutsche Formel-Junior-Meister, Rennwagenkonstrukteur und Porsche-Formel-I-Fahrer Gerhard Mitter (Foto links) demonstrierte für Hobby, wie es möglich ist, derartig schnelle Runden auf der berühmten Rennstrecke herauszufahren.

In diesen Tagen wird auf dem Solitude- Kurs ein Formel-I-Rennen, um den Großen Preis der Solitude ausgetragen. So lag es für hobby nahe, von dieser 11,417 Kilometer langen Rennstrecke eine ´Fieberkurve´  aufzuzeichnen. Immerhin gehört die vor den Toren Stuttgarts liegende Rennpiste zu den bekanntesten und bestbesuchten Westdeutschlands. Wir verpflichteten dazu Gerhard Mitter, den 29jährigen Kraftfahrzeugmeister aus Schönlinde im Sudetenland, der nahe der Solitude-Rennstrecke eine neue Heimat und einen vielseitigen Wirkungskreis gefunden hat.
Mitters bisherige Erfolge am Volant veranlaßten den Automobilsport- Weltverband FIA, ihn ab 1964 in die A-Klasse der Grand-Prix-Fahrer für die Formel 1 einzustufen. Er ist derzeit Deutschlands einziger A-Fahrer. Schon deswegen ist es reizvoll, mit ihm eine Runde zu drehen - eine Runde, die an die Traumgrenze für den Solitude-Ring herankommt. Denn eine Zeit von 4 Minuten für die 11,417 Kilometer bedeutet 171,3 km/h Rundendurchschnitt. Das ist eine Leistung, die nur wenige Spitzenkönner erreichen.
Für die Aufzeichnung der ´Fieberkurve des Solitude-Rings´ fuhr der schlanke, dunkelblonde Wahlschwabe den Porsche-Vierzylinder-Formel- 1-Rennwagen mit 160 PS Leistung bei 8200 U/min. Der Wagen ist mit einem vollsynchronisiertem 6-Gang-Getriebe und Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrädern ausgerüstet und wiegt ca. 520 kg. Als Höchstgeschwindigkeit erreicht dieser Porsche etwa 240 km/h. Hier ist nun Gerhard Mitters Rennstenogramm:

Hinein in den Bergabschnitt

´Barbarossa´, wie ich den Porsche-F-1- Vierzylinder wegen seiner rotumrandeten Kühlerschnauze immer liebevoll nenne, vibriert unter den Drehzahlstößen, die ich dem Motor gebe, damit er mich beim Start nicht im Stich läßt. Mit einem Auge blicke ich auf den Drehzahlmesser, mit dem anderen schiele ich zum Starter. In immer schnelleren Intervallen jage ich die Drehzahl auf 5500 bis 6000 U/min hoch. Beim Zeichen ´noch 5 Sekunden´ halte ich diese Drehzahl, damit ich bei ´Los´ das volle Drehmoment im 1. Gang einsetzen kann.
Und da ist das Startzeichen! Jetzt Kupplung gefühlvoll raus, Gas gefühlvoll halten - und weg mit 6000 U/min im 1. Gang. Ich lasse den Motor bis 8200 U/min hochgehen, das ist die erlaubte Drehzahlgrenze. Bevor der Zeiger des Drehzahlmessers ins rote Feld wandert, kommt der 2. Gang rein. Hoch bis 8200. Dritter rein. Wieder auf 8200 ausgedreht. Und jetzt, 150 Meter vor dem Kurveneingang, bremse ich aus etwa 170 km/h (bei 8200 Umin) herunter bis auf 130 oder gar 125 km/h. Bleibe jedoch im 3. Gang. Während des Rennens, wenn man aus dem Mahdental herauskommt und die ganze Zielgerade zur Beschleunigung zur Verfügung hat, fährt man die Einlaufkurve am Kurhaus Glemseck mit ca. 190 km/h im 5. Gang an, um dann über den 4. auf den 3. Gang herunterzuschalten. Die sogenannten Glemseck-Kurven sind zwei Linkskurven mit unterschiedlichem Radius. Für einen Rennfahrer bedeutet dies, daß er diese zwei unterschiedlichen Linkskurven zu einem in einem Strich zu durchfahrenden großen Linksbogen machen muß. Ich ziehe daher den Porsche am Ende der Geraden entlang den Boxen erst sehr spät in die Kurve. Für den Bruchteil einer Sekunde berühre ich vor der Brücke am Kurhaus in einer tangentialen Bewegung zum Kurvenverlauf die innere Grasnarbe. Der Wagen driftet schön auf allen vier Rädern wieder nach außen. Ich erreiche durch Gasgeben genau abgezirkelt die Außenbahn am Kurhaus Garten, und zwar so, daß der Porsche mit letztem Bodenkontakt der Reifen gerade noch auf Kurs gehalten werden kann. Aus dem Endbogen Glemseck schieße ich mit 145 bis 150 km/h = 7200 U/min heraus. Die nun folgende Steigung zur Hedersbachkurve wird - immer noch im 3. Gang - bis auf 8200 U/min = 170 km/h gesteigert angegangen. Kurz vor der Hedersbach-Spitzkehre schalte ich in den 2. Gang. Man muß diese 160-Grad-Bergkurve ganz auf der Außenseite des Steilstiches anfahren und dann mit einem kurzen Knick den Wagen nahezu herumwerfen. Nur so bekommt man für das folgende Steilstück (15 Prozent Steigung) die beste Ausgangsposition.
Jetzt drauf aufs Gas. Im 2. Gang voll beschleunigt bis 8200 U/min = 123,5 km/h. Dann den Dritten und den Vierten. Diesen ausdrehen, soweit es geht. Am steilsten Stück nach dem flachen Absatz stehen 170 km/h auf dem Tacho. 50 Meter danach ziehe ich - jetzt schon im 5. Gang - zur Hedersbach-Ebene hinauf.

210 km/h im Sandsträßchen

Die Linkskurve eingangs der Hedersbach-Ebene wird voll - Grasnarbe links, Grasnarbe rechts im Wechselspiel berührt - in der Beschleunigung genommen. In der Kurve kommt der 6. Gang rein, so daß ich im Anstieg zum Frauenkreuz, etwa am Sandsträßchen, damit bereits 205 km/h bei 7200 U/min erreiche. Die Rechtskurve nach dem Sandsträßchen durchfahre ich voll mit 210 km/h = 7400U/min im 6. Gang. Keine Besonderheit. Oder doch? Wenn man bei km 2,5 den Porsche durch diese Rechtskurve hindurchzieht, driftet er nach links zur Außenseite. jetzt herunter aber den 5. in den 4. Gang.
Die Frauenkreuz-Kurve durchfahre ich mit ca. 150 km/h bei 7300 U/min im 3 Gang. Die Kurve besteht aus zwei Kurventeilen mit einer Bodenwelle drin. Man darf deshalb im Mittelteil der Kurve nicht zu weit außen fahren, sonst versetzt der Wagen auf dieser Bodenwelle zu stark nach außen. Und das kann sehr kritisch werden! Noch in der Kurve am Frauenkreuz kommt der Vierte rein. Ich fahre jetzt mit 175 km/h. Der typische Bergteil des Solitude-Rings liegt hinter mir.

Mit vollem Dampf dem ´Schatten´ zu

Jetzt kommt der zweite typische Streckenabschnitt der Solitude - der sture Vollgasteil. Doch zuerst nochmals die Bremsen leicht antippen und dem Wagen mit dem Lenkrad etwas Effet nach links geben. So wird der Linksknick an der Magstadter Straße nahezu zu einer Geraden. Dann voll beschleunigt, 5. und 6. Gang rein, rauf auf 7700 U/min. Das sind im direkten Gang 220 km/h. Mit dieser Geschwindigkeit durchfahre ich die langgezogene Rechtskurve zwischen dem Dreispitz und den ´Lettenlöchern´.
Auf der Ideallinie könnte dieser Rechtsbogen mit noch 20 km/h mehr gefahren werden. Aber der Vierzylinder hat eben nicht mehr im Kasten; die neuen Achtzylinder-Porsche sind hier schneller hochzukriegen.
Kilometer 4,5 kommt: die Steinbachsee- Kurve ist in Sicht. Sie wurde schon manchem Leichtsinnigen zum Verhängnis. Man darf in diese überhöhte Linkskurve im Gefälle nicht zu früh hineinschwenken. An ihrem Ende wird man dann nämlich zu weit hinausgetragen und kann nicht rechtzeitig voll beschleunigen. Deshalb fahre ich die Steinbachsee-Kurve weit außen und bleibe solange wie möglich auf der rechten Fahrbahnseite, um dann so spät wie möglich den Porsche zum Innenrand der Kurve hereinzuziehen. Mein Linksbogen wird erfreulich klein, und ich habe einige Meter Weg gespart. Vor allem aber komme ich damit in eine günstige Ausgangsposition am Kurvenauslauf, weil ich mehr Beschleunigungsstrecke für die nachfolgende Vollgasgerade hinzugewonnen habe.
Jetzt das Gaspedal bis zum Bodenbrett durchgeteten, Vierter, Fünfter, Sechster blitzschnell geschaltet, und im Direkten bis auf 8200 U/min ausgedreht. Die Bäume links und rechts der Strecke und Siedlungshäuser am Büsnauer Hof fliegen vorbei. Ich habe jetzt 235 km/h drauf. Die lasse ich stehen, denn ich durchrase die lange Schattengerade. Aber dann muß ich 50 Meter nach der Brücke bei der Straßeneinmündung zum Büsnauer Hof voll in die Bremsen. Die Schattenkurven liegen vor mir. Herunter also bis in den 2. Gang.
Die 1. Schattenkurve am Kurhaus Schatten fahre ich mit 6000 U/min 2. Gang an, das sind etwa 95 km/h. Wieder bleibe ich auf der Anfahrtsgeraden so lange wie möglich außen links und ziehe erst sehr spät nach rechts in diese Rechtskurve der Schatten-S-Kehren herein. Dieses Manöver ist notwendig, damit ich am Auslauf der Rechtskurve frühzeitig auf die rechte Fahrbahnseite komme, um die nun folgende Linkskurve auf der Ideallinie durchfahren zu können. Ich bleibe im 2. Gang und halte etwas mehr als 90 km/h Geschwindigkeit. Elegant kommt ´Barbarossa´ auf allen vier Rädern driftend herum und zeigt mit der Schnauze genau zum Schattengrund.
Im 3.Gang drehe ich im anschließenden Gefälle bis 8200 U/min aus, Der Tacho zeigt kurzfristig 168 km/h an. Aber dann, vor dem Passieren der Brücke im Schattengrund, heißt es herunter in den 1. Gang, denn die eklige Linkskurve in der Einfahrt zum Mahdental muß mit aller Vorsicht genommen werden. Der Hochgeschwindigkeitsabschnitt der Solitude ist hier zu Ende.

Liniengeometrie im Mahdental

Dieser dritte und letzte charakteristische Streckenabschnitt des Solitude-Rings ist halb so schwierig, wie er sich dem Unkundigen zeigt. Man muß nur seine Kurvenfolgen genau kennen. Und man muß diese unaufhörliche Folge von Links- und Rechtskurven - mit nur kurzen Geraden dazwischen - mit einem genauen Fahrrhythrnus angehen. Damit und unter - Einhalten der Ideallinie und der richtigen Höchstgeschwindigkeit für jede Kurve - kann man die Mahdental-Kurvenserien sehr schnell und auch ohne Komplikationen durchfahren.
Aus der scharfen Linkskurve im Schattengrund beschleunige ich aus dem 1. Gang heraus, ziehe dann mit dem Zweiten, den Dritten und schließlich dem Vierten hoch. Die nun folgende erste Links- und anschließende erste Rechtskurve am Bruderhaus nehme ich im 4. Gang mit ca. 175 km/h bei 7200 U/min voll driftend, ohne auch nur einmal vom Gas zu gehen. Dann den Fünften rein über die Brücke nach dem Bruderhaus in die folgende leichte Linkskurve. Sie wird durch gezieltes Anschneiden zu einer Geraden gemacht. Dann aus ca. 190 km/h für die etwas schärfere Rechtskurve am Sandwerk, leicht abbremsen. Im Vierten durch jetzt gefühlvoll dosierte, schnelle Fahrt durch die folgenden Schlängelkurven bis zum Cafe Glemstal. Da nach dem Cafe bei km 9,5 eine kurze Gerade kommt, wird die vorletzte Kurve - die als Linksbogen am Cafe Glemstal vorbeiführt von der Fahrbahnmitte aus angefahren. Ausgangs der kurzen Geraden bin ich im 5. Gang und beschleunige wieder voll bis zur ´Spitzenklinge´. Dabei nehme ich die kleine Linke am Ende der Geraden (bei km 10) mit allem, was drin ist. Nun rasch in den Vierten und mit 150 km/h = 6500 U/min in die herankommende Rechte. Anschließend die Linke nach dem Parkplätzchen - immer noch im 4. Gang - im eleganten Wechselrhythmus schön zügig genommen. Darauf blitzschnell in den 3. Gang herunter, denn die schärfere Rechtskurve bei km 10,7 vor der Einmündung des Krumbachtales verträgt nicht mehr als 140 km/h = 7000 U/min.
Ich gehe sofort in den 4. Gang, bleibe ganz links am Fahrbahnrand, passiere die Brücke nach dem Krumbachtal im Vierten und erreiche auf diesem Zwischenstück wieder 165 km/h.
Jetzt geht es endlich in die das Mahdental abschließende Linkskurve vor Start und Ziel hinein. Gas und Lenkung feinfühlig dosierend, den Lenkeinschlag mit nachfolgender Wagenreaktion sofort durch Gegensteuern korrigierend, bringe ich meinen braven Porsche weit nach außen driftend auf die Zielgerade. Schnell noch den Fünften rein, Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten, und schon passiere ich die Ziellinie am Zeitnehmerhaus mit 190 km/h. 4:06,2 Minuten lese ich auf dem Chronormeter ab. Das sind 167,0 km/h Rundendurchschnitt. Nicht schlecht für eine Runde mit stehendem Start, denke ich, und ¨Hobby¨ wird vielleicht zufrieden sein mit meiner Demonstrationsrunde in der Nähe der Traumzeit von 4 Minuten.

 


    Richards GPL 13.04.2001
(IVABPEBGDXH)