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In diesen Tagen wird auf dem Solitude- Kurs ein
Formel-I-Rennen, um den Großen Preis der Solitude ausgetragen. So
lag es für hobby nahe, von dieser 11,417 Kilometer langen
Rennstrecke eine ´Fieberkurve´ aufzuzeichnen.
Immerhin gehört die vor den Toren Stuttgarts liegende Rennpiste zu
den bekanntesten und bestbesuchten Westdeutschlands. Wir verpflichteten
dazu Gerhard Mitter, den 29jährigen Kraftfahrzeugmeister aus
Schönlinde im Sudetenland, der nahe der Solitude-Rennstrecke eine
neue Heimat und einen vielseitigen Wirkungskreis gefunden hat.
Mitters bisherige Erfolge am Volant veranlaßten den
Automobilsport- Weltverband FIA, ihn ab 1964 in die A-Klasse der
Grand-Prix-Fahrer für die Formel 1 einzustufen. Er ist derzeit
Deutschlands einziger A-Fahrer. Schon deswegen ist es reizvoll, mit ihm
eine Runde zu drehen - eine Runde, die an die Traumgrenze für den
Solitude-Ring herankommt. Denn eine Zeit von 4 Minuten für die
11,417 Kilometer bedeutet 171,3 km/h Rundendurchschnitt. Das ist eine
Leistung, die nur wenige Spitzenkönner erreichen.
Für die Aufzeichnung der ´Fieberkurve des
Solitude-Rings´ fuhr der schlanke, dunkelblonde Wahlschwabe den
Porsche-Vierzylinder-Formel- 1-Rennwagen mit 160 PS Leistung bei 8200
U/min. Der Wagen ist mit einem vollsynchronisiertem 6-Gang-Getriebe und
Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrädern ausgerüstet und
wiegt ca. 520 kg. Als Höchstgeschwindigkeit erreicht dieser
Porsche etwa 240 km/h. Hier ist nun Gerhard Mitters Rennstenogramm:
Hinein in den Bergabschnitt
´Barbarossa´, wie ich den Porsche-F-1-
Vierzylinder wegen seiner rotumrandeten Kühlerschnauze immer
liebevoll nenne, vibriert unter den Drehzahlstößen, die ich
dem Motor gebe, damit er mich beim Start nicht im Stich
läßt. Mit einem Auge blicke ich auf den Drehzahlmesser, mit
dem anderen schiele ich zum Starter. In immer schnelleren Intervallen
jage ich die Drehzahl auf 5500 bis 6000 U/min hoch. Beim Zeichen
´noch 5 Sekunden´ halte ich diese Drehzahl, damit ich bei
´Los´ das volle Drehmoment im 1. Gang einsetzen kann.
Und da ist das Startzeichen! Jetzt Kupplung gefühlvoll raus, Gas
gefühlvoll halten - und weg mit 6000 U/min im 1. Gang. Ich lasse
den Motor bis 8200 U/min hochgehen, das ist die erlaubte
Drehzahlgrenze. Bevor der Zeiger des Drehzahlmessers ins rote Feld
wandert, kommt der 2. Gang rein. Hoch bis 8200. Dritter rein. Wieder
auf 8200 ausgedreht. Und jetzt, 150 Meter vor dem Kurveneingang, bremse
ich aus etwa 170 km/h (bei 8200 Umin) herunter bis auf 130 oder gar 125
km/h. Bleibe jedoch im 3. Gang. Während des Rennens, wenn man aus
dem Mahdental herauskommt und die ganze Zielgerade zur Beschleunigung
zur Verfügung hat, fährt man die Einlaufkurve am Kurhaus
Glemseck mit ca. 190 km/h im 5. Gang an, um dann über den 4. auf
den 3. Gang herunterzuschalten. Die sogenannten Glemseck-Kurven sind
zwei Linkskurven mit unterschiedlichem Radius. Für einen
Rennfahrer bedeutet dies, daß er diese zwei unterschiedlichen
Linkskurven zu einem in einem Strich zu durchfahrenden großen
Linksbogen machen muß. Ich ziehe daher den Porsche am Ende der
Geraden entlang den Boxen erst sehr spät in die Kurve. Für
den Bruchteil einer Sekunde berühre ich vor der Brücke am
Kurhaus in einer tangentialen Bewegung zum Kurvenverlauf die innere
Grasnarbe. Der Wagen driftet schön auf allen vier Rädern
wieder nach außen. Ich erreiche durch Gasgeben genau abgezirkelt
die Außenbahn am Kurhaus Garten, und zwar so, daß der
Porsche mit letztem Bodenkontakt der Reifen gerade noch auf Kurs
gehalten werden kann. Aus dem Endbogen Glemseck schieße ich mit
145 bis 150 km/h = 7200 U/min heraus. Die nun folgende Steigung zur
Hedersbachkurve wird - immer noch im 3. Gang - bis auf 8200 U/min = 170
km/h gesteigert angegangen. Kurz vor der Hedersbach-Spitzkehre schalte
ich in den 2. Gang. Man muß diese 160-Grad-Bergkurve ganz auf der
Außenseite des Steilstiches anfahren und dann mit einem kurzen
Knick den Wagen nahezu herumwerfen. Nur so bekommt man für das
folgende Steilstück (15 Prozent Steigung) die beste
Ausgangsposition.
Jetzt drauf aufs Gas. Im 2. Gang voll beschleunigt bis 8200 U/min =
123,5 km/h. Dann den Dritten und den Vierten. Diesen ausdrehen, soweit
es geht. Am steilsten Stück nach dem flachen Absatz stehen 170
km/h auf dem Tacho. 50 Meter danach ziehe ich - jetzt schon im 5. Gang
- zur Hedersbach-Ebene hinauf.
210 km/h im Sandsträßchen
Die Linkskurve eingangs der Hedersbach-Ebene wird voll -
Grasnarbe links, Grasnarbe rechts im Wechselspiel berührt - in der
Beschleunigung genommen. In der Kurve kommt der 6. Gang rein, so
daß ich im Anstieg zum Frauenkreuz, etwa am
Sandsträßchen, damit bereits 205 km/h bei 7200 U/min
erreiche. Die Rechtskurve nach dem Sandsträßchen durchfahre
ich voll mit 210 km/h = 7400U/min im 6. Gang. Keine Besonderheit. Oder
doch? Wenn man bei km 2,5 den Porsche durch diese Rechtskurve
hindurchzieht, driftet er nach links zur Außenseite. jetzt
herunter aber den 5. in den 4. Gang.
Die Frauenkreuz-Kurve durchfahre ich mit ca. 150 km/h bei 7300 U/min im
3 Gang. Die Kurve besteht aus zwei Kurventeilen mit einer Bodenwelle
drin. Man darf deshalb im Mittelteil der Kurve nicht zu weit
außen fahren, sonst versetzt der Wagen auf dieser Bodenwelle zu
stark nach außen. Und das kann sehr kritisch werden! Noch in der
Kurve am Frauenkreuz kommt der Vierte rein. Ich fahre jetzt mit 175
km/h. Der typische Bergteil des Solitude-Rings liegt hinter mir.
Mit vollem Dampf dem ´Schatten´ zu
Jetzt kommt der zweite typische Streckenabschnitt der
Solitude - der sture Vollgasteil. Doch zuerst nochmals die Bremsen
leicht antippen und dem Wagen mit dem Lenkrad etwas Effet nach links
geben. So wird der Linksknick an der Magstadter Straße nahezu zu
einer Geraden. Dann voll beschleunigt, 5. und 6. Gang rein, rauf auf
7700 U/min. Das sind im direkten Gang 220 km/h. Mit dieser
Geschwindigkeit durchfahre ich die langgezogene Rechtskurve zwischen
dem Dreispitz und den ´Lettenlöchern´.
Auf der Ideallinie könnte dieser Rechtsbogen mit noch 20 km/h mehr
gefahren werden. Aber der Vierzylinder hat eben nicht mehr im Kasten;
die neuen Achtzylinder-Porsche sind hier schneller hochzukriegen.
Kilometer 4,5 kommt: die Steinbachsee- Kurve ist in Sicht. Sie wurde
schon manchem Leichtsinnigen zum Verhängnis. Man darf in diese
überhöhte Linkskurve im Gefälle nicht zu früh
hineinschwenken. An ihrem Ende wird man dann nämlich zu weit
hinausgetragen und kann nicht rechtzeitig voll beschleunigen. Deshalb
fahre ich die Steinbachsee-Kurve weit außen und bleibe solange
wie möglich auf der rechten Fahrbahnseite, um dann so spät
wie möglich den Porsche zum Innenrand der Kurve hereinzuziehen.
Mein Linksbogen wird erfreulich klein, und ich habe einige Meter Weg
gespart. Vor allem aber komme ich damit in eine günstige
Ausgangsposition am Kurvenauslauf, weil ich mehr Beschleunigungsstrecke
für die nachfolgende Vollgasgerade hinzugewonnen habe.
Jetzt das Gaspedal bis zum Bodenbrett durchgeteten, Vierter,
Fünfter, Sechster blitzschnell geschaltet, und im Direkten bis auf
8200 U/min ausgedreht. Die Bäume links und rechts der Strecke und
Siedlungshäuser am Büsnauer Hof fliegen vorbei. Ich habe
jetzt 235 km/h drauf. Die lasse ich stehen, denn ich durchrase die
lange Schattengerade. Aber dann muß ich 50 Meter nach der
Brücke bei der Straßeneinmündung zum Büsnauer Hof
voll in die Bremsen. Die Schattenkurven liegen vor mir. Herunter also
bis in den 2. Gang.
Die 1. Schattenkurve am Kurhaus Schatten fahre ich mit 6000 U/min 2.
Gang an, das sind etwa 95 km/h. Wieder bleibe ich auf der
Anfahrtsgeraden so lange wie möglich außen links und ziehe
erst sehr spät nach rechts in diese Rechtskurve der
Schatten-S-Kehren herein. Dieses Manöver ist notwendig, damit ich
am Auslauf der Rechtskurve frühzeitig auf die rechte Fahrbahnseite
komme, um die nun folgende Linkskurve auf der Ideallinie durchfahren zu
können. Ich bleibe im 2. Gang und halte etwas mehr als 90 km/h
Geschwindigkeit. Elegant kommt ´Barbarossa´ auf allen vier
Rädern driftend herum und zeigt mit der Schnauze genau zum
Schattengrund.
Im 3.Gang drehe ich im anschließenden Gefälle bis 8200 U/min
aus, Der Tacho zeigt kurzfristig 168 km/h an. Aber dann, vor dem
Passieren der Brücke im Schattengrund, heißt es herunter in
den 1. Gang, denn die eklige Linkskurve in der Einfahrt zum Mahdental
muß mit aller Vorsicht genommen werden. Der
Hochgeschwindigkeitsabschnitt der Solitude ist hier zu Ende.
Liniengeometrie im Mahdental
Dieser dritte und letzte charakteristische Streckenabschnitt
des Solitude-Rings ist halb so schwierig, wie er sich dem Unkundigen
zeigt. Man muß nur seine Kurvenfolgen genau kennen. Und man
muß diese unaufhörliche Folge von Links- und Rechtskurven -
mit nur kurzen Geraden dazwischen - mit einem genauen Fahrrhythrnus
angehen. Damit und unter - Einhalten der Ideallinie und der richtigen
Höchstgeschwindigkeit für jede Kurve - kann man die
Mahdental-Kurvenserien sehr schnell und auch ohne Komplikationen
durchfahren.
Aus der scharfen Linkskurve im Schattengrund beschleunige ich aus dem
1. Gang heraus, ziehe dann mit dem Zweiten, den Dritten und
schließlich dem Vierten hoch. Die nun folgende erste Links- und
anschließende erste Rechtskurve am Bruderhaus nehme ich im 4.
Gang mit ca. 175 km/h bei 7200 U/min voll driftend, ohne auch nur
einmal vom Gas zu gehen. Dann den Fünften rein über die
Brücke nach dem Bruderhaus in die folgende leichte Linkskurve. Sie
wird durch gezieltes Anschneiden zu einer Geraden gemacht. Dann aus ca.
190 km/h für die etwas schärfere Rechtskurve am Sandwerk,
leicht abbremsen. Im Vierten durch jetzt gefühlvoll dosierte,
schnelle Fahrt durch die folgenden Schlängelkurven bis zum Cafe
Glemstal. Da nach dem Cafe bei km 9,5 eine kurze Gerade kommt, wird die
vorletzte Kurve - die als Linksbogen am Cafe Glemstal vorbeiführt
von der Fahrbahnmitte aus angefahren. Ausgangs der kurzen Geraden bin
ich im 5. Gang und beschleunige wieder voll bis zur
´Spitzenklinge´. Dabei nehme ich die kleine Linke am Ende
der Geraden (bei km 10) mit allem, was drin ist. Nun rasch in den
Vierten und mit 150 km/h = 6500 U/min in die herankommende Rechte.
Anschließend die Linke nach dem Parkplätzchen - immer noch
im 4. Gang - im eleganten Wechselrhythmus schön zügig
genommen. Darauf blitzschnell in den 3. Gang herunter, denn die
schärfere Rechtskurve bei km 10,7 vor der Einmündung des
Krumbachtales verträgt nicht mehr als 140 km/h = 7000 U/min.
Ich gehe sofort in den 4. Gang, bleibe ganz links am Fahrbahnrand,
passiere die Brücke nach dem Krumbachtal im Vierten und erreiche
auf diesem Zwischenstück wieder 165 km/h.
Jetzt geht es endlich in die das Mahdental abschließende
Linkskurve vor Start und Ziel hinein. Gas und Lenkung feinfühlig
dosierend, den Lenkeinschlag mit nachfolgender Wagenreaktion sofort
durch Gegensteuern korrigierend, bringe ich meinen braven Porsche weit
nach außen driftend auf die Zielgerade. Schnell noch den
Fünften rein, Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten, und schon
passiere ich die Ziellinie am Zeitnehmerhaus mit 190 km/h. 4:06,2
Minuten lese ich auf dem Chronormeter ab. Das sind 167,0 km/h
Rundendurchschnitt. Nicht schlecht für eine Runde mit stehendem
Start, denke ich, und ¨Hobby¨ wird vielleicht zufrieden sein
mit meiner Demonstrationsrunde in der Nähe der Traumzeit von 4
Minuten.
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